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Sadismus und Macht

Sadistische Intentionen zielen auf die Bemächtigung des anderen, auf ein totales Verfügen über ihn; es geht nicht in erster Linie um Aggression oder Grausamkeit, sondern um Beherrschung.  

Der Begriff "Sadismus" oder "Sadist" wird in der Alltagssprache und in Redensarten gerne verwendet. Im Allgemeinen schwingen Eigenschaften wie besondere Brutalität, Herrschsüchtigkeit, Schadenfreude und Gefühllosigkeit unterbewusst mit, was allerdings dazu führt, dass der Begriff an Präzision und Schärfe zunehmend verliert. Aus diesem Grund ist es wichtig, auf die zwei wesentlichen Kennzeichen, die dabei helfen sollen, den Begriff wieder besser fassen zu können, einzugehen:

  1. Sadismus ist eine Ausdrucksform, die sich mit zerstörerischer Absicht gegen andere richtet. Sie ist mehr oder weniger eng an Sexualität gebunden. Man spricht auch von "sexualisierter Destruktivität".
  2. Sadistische Absichten oder Handlungen - ob in der Phantasie oder der Realität - zielen auf eine Bemächtigung von anderen Menschen ab. Es geht nicht in erster Linie um Aggression oder Grausamkeit, sondern als allererstes um Beherrschung.

Bei Sadismus geht es um das totale Beherrschen, Verfügen und vollständige Auslieferung des anderen. In der Realität lässt sich sadistisches Verhalten, das ohne Konsequenzen und Sanktionen ausgelebt wird, schwer verwirklichen. Für die soziale Realisierung von Sadismus braucht es in der Regel besondere Umstände, die zulassen, dass allmächtig und eineingeschränkt über andere Menschen verfügt werden kann. Je offener Prinzipien wie Herrschaft und Subordination, Allmacht und Ohnmacht in einer Gesellschaft sind, desto offener wird auch Sadismus in Erscheinung treten und - schlimmer noch - zum Alltag. Besonders dort, wo Auslieferung und Schutzlosigkeit von Menschen legitim sind, wird Sadismus als gängiges und sogar "notwendiges" Verhalten akzeptiert. Eine Legitimation von Abhängigkeit und Schutzlosigkeit kommt auf zwei Arten zustande:

  • Eine Gruppe von Menschen wird "dehumanisiert", das heisst "entmenschlicht"
  • Abstrakte Ideen und Werte werden propagiert und als absolut und jederzeit für alle gültig gesetzt. Anhand dieser "Werte" wird definiert, wer gefährlich für die eigenen Wertegemeinschaft ist und ausgestoßen oder sogar physisch vernichtet werden muss.
Sadismus ist nicht etwa das Fremde oder Unvorstellbare, sondern etwas Nahes, aber schwer zu Fassendes. Immer wieder bricht Sadismus durch, sadistische Handlungen kommen ans Licht und machen betroffen und wühlen auf.

Zum Beispiel: Goran Jelisic

Goran Jelisic wurde mit Anfang zwanzig in seiner nordbosnischen Heimatstadt zu drei Jahren Haft wegen Betrugs verurteilt. Jelisic war ein unsteter, schlecht bezahlter Arbeiter gewesen, der häufig die Jobs wechselte und nach dem Wehrdienst zu trinken begonnen hatte. Er saß jedoch nur ein paar Monate seiner Strafe ab, denn kurz vor Kriegsbeginn wurde er – wie auch zahlreiche andere Häftlinge – entlassen. Die Republika Srpska bot Kriminellen Amnestie, wenn sie sich im Gegenzug zum Kriegseinsatz verpflichteten.

Im Mai 1992 erschoss Goran Jelisic in 16 Tagen möglicherweise mehr als hundert Menschen, fast ausschließlich muslimische Gefangene. Das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verhängte über ihn eine Haftstrafe von vierzig Jahren.

Macht über Leben und Tod

"Im Lager Luka zitterten sie, wenn sie seine Stimme hörten, denn sie bedeutete den Tod. Er wählte aufs Geradewohl die Opfer aus: 'Du, du und du'. Namen wurden nicht genannt, Beschuldigungen oder Strafen nicht ausgesprochen, nichts. Im voraus nahm er den Gefangenen Geld, Uhren und Schmuck ab. Oft schlug er sie. Dann mussten die Gefangenen hintereinander antreten. Jelisic verlangte von jedem, sich hinzuknien und den Kopf auf ein Abflussgitter zu legen. Dann versetzte er ihm zwei Genickschüsse mit einer schallgedämpften Pistole. Je größere Angst das Opfer hatte, desto mehr Freude hatte Jelisic am Töten.

Gefangene aus Luka, von denen einige vor dem Tribunal aussagten, erinnern sich, wie er einen großen starken kroatischen Häftling umbrachte. Zuerst schnitt er ihm ein Ohr ab. Dann brachte er ihn zurück zum Hangar, damit ihn die anderen sahen. Sein Ohr in der Hand, bat der Mann die Gefangenen ihn zu töten. Jelisic zog die Pistole und bot sie den Gefangenen an. Doch niemand meldete sich. Jelisic verhöhnte sie. Am Ende tötete er den hochgewachsenen Kroaten wie alle anderen.

Auf wen sein Finger zeigte, der durfte leben oder musste sterben. Er exekutierte Alte wie Junge. Er tötete eine 18-jährige Muslimin. Er brachte einen alten Mann um, weil er eine Wasserflasche hatte fallen lassen, und einen jungen Mann, weil er mit einer Serbin verheiratet war."

Lust am Leid anderer

Zeuge B: "Ich glaube, er fand Vergnügen an dem, was er tat, weil er so mächtig war, weil er als Gott betrachtet wurde. Er hielt sich für die mächtigste Person der Welt, und dort war er es auch."

"Zum ersten Mal in seinem kurzen Leben war dieser kleine Mann aus Bijeljina an die Macht gelangt. Ein Niemand, der plötzlich die absolute Gewalt ausübte. Er bekam eine Pistole und die Freiheit, sich ihrer zu bedienen. Es heißt, dass er aussah und sich benahm als stünde er unter Drogen. Und er stand tatsächlich unter Drogen, denn die unumschränkte Macht über Leben und Tod ist ja die stärkste Droge."# (red)

Links und Lesetipps:

Slavenka Drakulic (2004): Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht. Wien: Paul Zsolnay-Verlag.

Dorothea Frank (2006): Menschen töten. Düsseldorf: Walter Verlag.

Gesellschaft für bedrohte Völker (abgerufen am 3.5. 2010)

Martin Krol/Timo Luks u.a. (2005): Macht - Herrschaft - Gewalt. Gesellschaftswissenschaftliche Debatten am Beginn des 21. Jahrhunderts. Verhandlungen mit der Gegenwart, Band 1, Münster: LitVerlag.

Erwin Koch: Mörder für zwei Wochen auf lilium bosniacum. Bearbeitungsstand: 2.12. 2004 (abgerufen am 3.5. 2010)

Roger Willemsen (2006): Hier spricht Guantanamo. Frankfurt am Main: Verlag Zweitausendeins.

Quellen:

Eberhard Schorsch/Nikolaus Becker (1977): Angst, Lust, Zerstörung. Sadismus als soziales und kriminelles Handeln. Zur Psychodynamik sexueller Tötungen. Reinbek bei Hamburg: Verlag Rowohlt 1977, S. 39-50.

www.trial-ch.org (abgerufen am 3.5. 2010)


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