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Gehorsam

Unter "Gehorsamsprinzip" versteht man den Zwang, Teil einer Befehlshierarchie zu sein, die es – im Dienste der Aufrechterhaltung einer Gruppeninteresses – dem/r einzelnen unmöglich macht, freie, eigene Entscheidungen zu treffen. Dieses Prinzip kommt oft, aber nicht ausschließlich, in militärischen Zusammenhängen zur Geltung und kann in Kriegsfällen für jeden einzelnen dazu führen, zum Töten von Menschen gezwungen zu werden.

Durch die arbeitsteilige Praxis, in der in der Regel jene, die den Krieg vorbereiten und anordnen, nicht diejenigen sind, die ihn auch ausführen – und umgekehrt –, erleichtert das Gehorsamsprinzip die Tendenz, Verantwortung für Kriegshandlungen zu delegieren. Gehorsamsverweigerung wird in der Regel drastisch sanktioniert. Gleichzeitig erkennen - mit Ausnahmen wie etwa der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg - auch Militärgesetze das Recht auf bzw. die Pflicht zu Ungehorsam in Bezug auf die Ausführung unmenschlicher Handlungen an.

Tendenz zur Entmenschlichung

Elias Canetti hat die Tendenz zur Entmenschlichung durch das Gehorsamsprinzip drastisch beschrieben: "Es ist bekannt, dass Menschen, die unter Befehl handeln, der furchtbarsten Taten fähig sind. Wenn die Befehlsquelle verschüttet ist und man sie zwingt, auf ihre Tat zurückzublicken, erkennen sie sich selbst nicht. (...) Sie suchen nach den Spuren ihrer Tat und können sie nicht finden. Man staunt, wie unberührt sie von ihr geblieben sind. Die Tat ist nicht in sie eingegangen. Es sind Menschen, die sonst sehr wohl dazu imstande sind, ihre Handlungen abzuschätzen. Sie würden sich schämen, ein unbekanntes und wehrloses Geschöpf, das sie nicht herausgefordert hat, umzubringen. Mancher, der sie aus täglichem Umgang intim kennt, wäre bereit, einen Eid darauf abzulegen, dass man sie zu Unrecht beschuldigt. Wenn dann die lange Reihe der Zeugen aufmarschiert, der Opfer, die sehr wohl wissen, wovon sie reden, wenn einer nach dem anderen den Täter erkennt und ihm jede Einzelheit seines Verhaltens ins Gedächtnis zurückruft, da wird jeder Zweifel absurd und man steht vor einem unauflöslichen Rätsel."   

Beispiel: Das Milgram-Experiment

Der bekannteste sozialpsychologische Versuch zur "Gehorsamsbereitschaft" ist das Milgram-Experiment. Milgram demonstrierte darin, dass die Mehrheit der Versuchspersonen, die als TäterInnen fungierten, entgegen ihren eigenen moralischen Überzeugungen bereit waren, auf Anweisung des Versuchsleiters anderen Personen schmerzhafte Elektroschocks zuzufügen. Das Experiment wurde vielfach variiert (auch in verschiedenen Ländern), immer jedoch hing der Grad der Gehorsamsbereitschaft stärker von der konkreten Versuchsanordnung ab als von Persönlichkeitsmerkmalen, Sozialstatus oder Nationalität der Versuchspersonen, die als TäterInnen fungierten. Unter anderem führten folgende Mechanismen bei den Versuchpersonen zur Gehorsamsbereitschaft:

  • Höflichkeit gegenüber dem Versuchsleiter, die Peinlichkeit des vorzeitigen Ausscheidens und das ursprüngliche Versprechen – dem Versuchsleiter zu helfen – einzuhalten.
  • Das Übertragen der gesamten Verantwortung auf den Versuchsleiter.
  • Je näher der Versuchsleiter war, desto strenger wurde der Auftrag ausgeführt (im Gegensatz zum telefonischen Kontakt).
  • Bei Opfern, die einem bekannt waren, war die Hemmung zu verletzen viel größer als bei anonymen.
  • Wenn die anderen "Versuchs-TäterInnen" als erste ihre "Strafe" hoch ansetzten, war auch die folgende stärker als wenn die ersten Schritte gemäßigt waren. (red)

Quellen, Lesetipps und Links:

Elias Canetti (1960): "Masse und Macht". Düsseldorf: Claasen.

Harald Welzer (2005): Täter. Wie normale Menschen Massenmörder werden. Frankfurt am Main:  S. Fischer Verlag.

Stanley Milgram (1982): Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. o.O.: Rowohlt Taschenbuch.

Gert Sommer/ Albert Fuchs (2004): Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie. Weinheim, Basel, Berlin: Beltz-Verlag.

Bund für Soziale Verteidigung (abgerufen am 5.5. 2010)

Informationsstelle Militarisierung (abgerufen am 5.5. 2010)

Wissenschaft&Frieden (abgerufen am 5.5. 2010)

Institut für Friedenspädagogik Tübingen (abgerufen am 5.5. 2010)


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