Projekte

Aktuelles:

Pioniri

Startseite Frieden machen Wirtschaftliche und ökologische Perspektiven Ökologische Perspektiven  

Ausweg „Biosprit“?

Manche hoffen auf Biosprit als neue Zukunftslösung. Doch der aktuelle Agrotreibstoff-Boom wirft eine Reihe von gravierenden Problemen auf: Preissteigerung bei Grundnahrungsmitteln, Preis- und Pachtsteigerungen von Land, Vertreibung und Verarmung von Kleinbauern und -bäuerinnen, Wasserknappheit, Schäden für die Umwelt, Bedrohung der biologischen Vielfalt und eine Erhöhung der Treibhausgas-Emissionen.

„Klar ist, dass Agrotreibstoffe nicht zum Klimaschutz, dafür aber zur Nahrungsverknappung beitragen. Klar ist auch, dass Frauen in armen Ländern die Hauptleidtragenden sind", so die Obfrau des entwicklungspolitischen Frauennetzwerks WIDE - Women in Development Europe, Renate Schneider, in einer Presseerklärung. Österreichs Ziele der Beimengung von 10 Prozent Agrotreibstoffen bis 2010 und 20 Prozent bis 2020 werden daher heftig kritisiert. Während von der EU nur etwa halb so viel Beimengung verlangt wird, hat diese darüber hinaus begonnen, die schwerwiegenden sozialen und ökologischen Bedenken gegen Agrotreibstoffe zur Kenntnis zu nehmen, heißt es in der Presseaussendung.

Hoffen auf zweite Generation der Agrotreibstoffe

Der ehemalige EU-Agrarkommissar Franz Fischler meint zwar, dass die Erzeugung von Agrosprit nicht allein für den Preisanstieg von Nahrungsmitteln verantwortlich sei. Jährlich würden nur 2 Prozent der Getreideernte zu Biosprit verarbeitet, erklärte Fischler in einer Podiumsrunde. Doch auch der Agrarexperte meint, dass die Agrosprit-Strategie überdacht werden müsse. Es spreche nichts dagegen, Holz, Stroh und Abfälle für die Spritherstellung zu verwenden. Für diese zweite Generation von Agrotreibstoffen müsse aber noch geforscht werden. Die derzeitigen Ziele der EU seien unter den „jetzigen Bedingungen nicht zu erreichen", so Fischler. Laut einer OECD-Studie müsste nämlich für eine europaweite 10-prozentige Beimischung die Hälfte der europäischen Getreidefläche verwendet werden. In Österreich werden derzeit 90 Prozent des beigemengten Biosprits importiert. „Aus der Produktion der ersten Generation Biosprit können wir das Ziel der Beimischung von zehn Prozent oder mehr nicht erreichen", bestätigt Fischler. „Das schaffen wir nur, wenn die zweite Generation in wenigen Jahren auf den Markt kommt."

Auch aus entwicklungspolitischen Kreisen gibt es kritische Stellungnahmen zu Biosprit. Derzeit berge der Biosprit-Boom mehr Risiken als Chancen, vor allem für Entwicklungsländer, sagte Bischof Ludwig Schwarz, Vorsitzender der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Entwicklung, gegenüber der Tageszeitung „Die Presse". In Ländern wie Brasilien oder Mexiko sei die Lebensmittelversorgung in Gefahr, da Kleinbauern durch die industrielle Biosprit-Produktion ihren Grund verlieren, vertrieben werden und in Slums landen würden, so Schwarz.

Biosprit verschärft Hungerproblem

Da immer mehr Biosprit aus Ländern des Südens importiert wird, nach Europa etwa aus indonesischen Palmölplantagen, in die USA aus brasilianischem Zuckerrohr- oder mexikanischen Maisplantagen, wird Biosprit wohl nicht die Zukunftslösung für eine nachhaltige Mobilität sein.

Jean Ziegler, langjähriger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, sieht in Biotreibstoffen einen der Gründe für die weitere Zunahme des Hungers. „138 Mio. Tonnen Mais wurden laut Weltbank 2007 zu Bioethanol verbrannt. Für 50 Liter Biodiesel sind 358 kg Mais erforderlich, davon könnte ein Kind ein Jahr lang ernährt werden", so Ziegler in einem Vortrag in Salzburg. Der internationale Preis für Reis sei in einem halben Jahr um 83 Prozent, jener für Getreide gar um 114 Prozent gestiegen. Das „World Food Programme" der UNO, das bei akuten Hungerkatastrophen hilft, habe dadurch 42 Prozent an Kaufkraft verloren, berichtet der UN-Experte, der daher ein Moratorium, das heißt ein Einfrieren der Verwendung von Biotreibstoffen, fordert.

Der Klimaexperte Christian Salmhofer meint:
„Die Politik vergeudet Unmengen an Steuergelder für die Subventionierung von Biosprit aus Getreide, Zucker und Ölsaaten. Das geht zulasten der Nahrungsmittelproduktion, treibt die Preise und ist noch dazu wegen der energie- und flächenaufwendigen Herstellung unbedeutend für den Klimaschutz."

(hh)

Quellen und Lesetipps

Agrotreibstoffe: Globale Ernährungssituation, Recht auf Nahrung und Auswirkungen auf Frauen
http://www.oneworld.at/wide/dokumente/WIDE-Agrotreibstoffe-9-12-09.pdf

Fischler: „Fleischkonsum wächst."http://www.news.at/articles/0817/30/203693/buchinger-preismonitoring-klarheit-hoher-nahrungspreis

„Biosprit nicht auf Kosten der Entwicklungsländer"
http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/357958/index.do

Christian Salmhofer: „Biosprit - Ausweg oder Sackgasse?" http://www.klimabuendnis.at/start.asp?ID=222304

Jean Ziegler: Das tägliche Massaker des Hungers. Wo ist Hoffnung?" Festrede anlässlich der Verleihung des Salzburger Landespreises für Zukunftsforschung. CD-ROM. Mehr: http://www.jungk-bibliothek.at/ziegler.htm#bericht

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Biofuels.jpg


Sponsoren Bundesministerium für Bildung und Frauen Stadt Salzburg Land Salzburg Berghof Foundation Elfi-Gmachl-Stiftung Youth in Action - Jugend in Aktion